Der diesjährige Fachkongress des Bundesverbands Micro-Living (BML) widmete sich dem Trend „Senior Living“. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage, wie sich kompakte Wohnkonzepte an die Bedürfnisse einer älter werdenden Gesellschaft anpassen lassen und welche Chancen sich daraus für Projektentwickler, Betreiber und Investoren ergeben. Grundlage der Diskussionen waren aktuelle Marktdaten und Praxisbeispiele aus der Branche.
„Viele ältere Menschen wünschen sich heute kleinere, gut ausgestattete Wohnungen in zentralen Lagen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Wohnformen, die Gemeinschaft ermöglichen, Einsamkeit vorbeugen und bei Bedarf unterstützende Dienstleistungen integrieren können. Hier eröffnen sich für die Micro-Living-Branche neue Perspektiven“, erklärt Michael Vogt, Vorsitzender des Bundesverbandes Micro-Living.
Einen zentralen Impuls lieferte die Keynote von Annamaria Deiters-Schwedt von der empirica AG. Sie stellte aktuelle demografische Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Wohnungswirtschaft vor. Die Zahl der Menschen ab 65 Jahren wird bis 2045 um rund 3,1 Millionen steigen. Besonders stark wächst die Gruppe der über 80-Jährigen. Gleichzeitig wird die Zahl mobilitätseingeschränkter und pflegebedürftiger Menschen deutlich zunehmen. Dadurch entsteht ein erheblicher Bedarf an altersgerechten, barrierearmen und gleichzeitig bezahlbaren Wohnangeboten.
Die Referentin machte deutlich, dass zwischen klassischen Seniorenwohnanlagen und stationären Pflegeeinrichtungen weiterhin große Angebotslücken bestehen. Gefragt seien Wohnformen, die Selbstständigkeit, Sicherheit und Gemeinschaft miteinander verbinden. Barrierefreie Gebäude, gut erreichbare Nahversorgung, medizinische Angebote sowie soziale Netzwerke im Quartier seien dabei entscheidende Erfolgsfaktoren.
Einen praxisnahen Beitrag lieferte Jan-D. Müller-Seidler, stellvertretender Vorsitzender des BML, mit dem Konzept „SENGRADE“. Vorgestellt wurde ein Wohnmodell, das die Prinzipien des Micro-Livings auf die Bedürfnisse älterer Menschen überträgt. Im Fokus stehen kompakte, barrierefreie Apartments mit intelligenten Grundrissen, ergonomischer Ausstattung, großzügigen Bewegungsflächen und wohnortnahen Serviceangeboten. Ergänzt werden die Wohnungen durch Gemeinschaftsflächen, Quartierscafés sowie optionale Gesundheits- und Unterstützungsangebote, die ein selbstständiges Leben bis ins hohe Alter ermöglichen sollen.
Anschließend diskutierten Expertinnen und Experten aus Immobilienwirtschaft, Wissenschaft und Praxis auf dem Podium die Frage, wie Wohnen im Alter künftig gestaltet werden kann. Einigkeit bestand darin, dass gemischt genutzte Quartierskonzepte mit unterschiedlichen Wohn- und Betreuungsangeboten großes Potenzial besitzen. Diskutiert wurden neue Betreiberkonzepte, Kooperationsmodelle mit Gesundheitsdienstleistern, Serviceangebote sowie wirtschaftliche Voraussetzungen für erfolgreiche Senior-Living-Projekte.
Neben dem Schwerpunkt Senior Living beschäftigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit weiteren Zukunftsthemen der Branche. So wurden die geplanten mietrechtlichen Reformen der Bundesregierung diskutiert. Der Bundesverband Micro-Living sprach sich dabei für eine stärkere Berücksichtigung der besonderen Anforderungen möblierter Micro-Living-Angebote aus und warb für rechtliche Rahmenbedingungen, die Investitionen in dieses Wohnsegment ermöglichen.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Digitalisierung der Immobilienwirtschaft. Experten zeigten auf, wie Künstliche Intelligenz bereits heute Verwaltungs- und Vermietungsprozesse unterstützt, Fachkräftemangel abfedern und Routineaufgaben automatisieren kann. Gleichzeitig wurde betont, dass Verantwortung und Entscheidungen weiterhin beim Menschen bleiben. KI werde künftig vor allem als intelligenter Assistent und zunehmend auch als digitaler Prozessagent in der Immobilienwirtschaft eingesetzt.
Mit einem Live-Standortcheck demonstrierte Michael Ziemann von den Apartmenthelden zudem, wie KI-gestützte Analysen die Entwicklung und Bewertung neuer Micro-Living-Standorte unterstützen können. Dabei wurde deutlich, dass technologische Werkzeuge eine wertvolle Grundlage für Entscheidungen liefern, die fachliche Bewertung durch Experten jedoch nicht ersetzen.
Der demografische Wandel eröffnet der Micro-Living-Branche neue Wachstumsfelder. Insbesondere im Bereich Senior Living sehen die Teilnehmer erhebliches Potenzial für innovative Wohnkonzepte, die Selbstständigkeit, Gemeinschaft und Service miteinander verbinden. Gleichzeitig werden Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und passende regulatorische Rahmenbedingungen entscheidende Faktoren für die Zukunftsfähigkeit der Branche sein.



